Selbstständig sein, ohne sich selbst zu verlieren – 6 buddhistische Gedanken für den Praxisalltag

Kategorie: Du als Unternehmerperson | Lesezeit: ca. 6 Minuten

Selbstständig zu sein bedeutet, Entscheidungen zu treffen, ohne vorher zu wissen, ob sie richtig waren.

Du kannst planen, rechnen, Dich vorbereiten und Erfahrungen sammeln. Und trotzdem weißt Du nicht, ob das neue Angebot gebucht wird. Ob die Patientenzahlen im nächsten Monat stimmen. Ob eine Kooperation funktioniert. Ob Deine Entscheidung die richtige war.

Auch das gehört (leider) zur Selbstständigkeit.

Und vielleicht ist eine der wichtigsten unternehmerischen Fähigkeiten deshalb eine, über die wir viel zu selten sprechen: mit Unsicherheit leben zu können und trotzdem handlungsfähig zu bleiben.

Ich bin auf einige buddhistische Gedanken gestoßen, in denen erstaunlich viel unternehmerische Klugheit steckt.

1. Plane – aber verlange von Deinem Plan keine Garantie

Natürlich brauchst Du als Selbstständiger Ziele, Zahlen und einen Plan.

Problematisch wird es dort, wo ein Plan uns Sicherheit geben soll, die es in der Selbstständigkeit schlicht nicht gibt.

Du kannst eine neue Praxis eröffnen und vorher nicht wissen, wie schnell sie sich füllt. Du kannst einen Workshop entwickeln und nicht garantieren, dass genügend Menschen ihn buchen. Du kannst Deine Preise verändern und vorher nicht exakt wissen, wie Deine Patienten reagieren.

Das bedeutet nicht, planlos zu arbeiten.

Es bedeutet, einen guten Plan zu machen und gleichzeitig beweglich zu bleiben.

Die entscheidende Sicherheit entsteht dann an einer anderen Stelle:

Ich weiß nicht, was passieren wird. Aber ich vertraue darauf, dass ich damit umgehen kann.

Das ist ein großer Unterschied.

2. Arbeite engagiert und achte auf Pausen und Erholung

Gerade engagierte Selbstständige geraten leicht in eine Falle.

Es gäbe immer noch etwas zu tun.

Eine Rechnung. Eine E-Mail. Die Dokumentation. Die Website. Ein neuer Beitrag. Die Buchhaltung. Eine Fortbildung. Noch schnell etwas für morgen vorbereiten.

Wer Selbstständigkeit ernst nimmt, kann theoretisch jeden Abend und jede Nacht durcharbeiten.

Deshalb muss irgendwann eine unternehmerische Entscheidung fallen:

Für heute ist genug.

Eine Praxis, die nur funktioniert, solange ihre Inhaberin dauerhaft über ihre Grenzen geht, mag sich wirtschaftlich tragen, ist aber unternehmerisch nicht gesund. Und irgendwann rächt sich das leider.

3. Ein Rückschlag ist zunächst einmal nur eine Information

Ein Angebot verkauft sich nicht. Ein Patient entscheidet sich anders. Eine Marketingaktion bringt kaum Resonanz. Ein Projekt, in das Du viel Arbeit gesteckt hast, funktioniert nicht.

Ist mir alles schon mehr als einmal passiert. Was daraus nicht entstehen darf, ist das persönliche Urteil:

Ich kann das nicht.

Genau hier lohnt es sich, Person und Ergebnis voneinander zu trennen.

Ein Angebot, das niemand kauft, ist zunächst einmal ein Angebot, das niemand gekauft hat.

Jetzt kannst Du untersuchen:

War das Thema falsch? War der Zeitpunkt ungünstig? War der Nutzen nicht verständlich? War der Preis nicht passend? Haben zu wenige Menschen davon erfahren?

Damit wird ein Misserfolg zu etwas ausgesprochen Wertvollem: zu einer Information.

Unternehmerisch zu denken heißt deshalb auch, Fehler untersuchen zu können, ohne Dich selbst dabei mit der Schippe auf den Kopf zu hauen.

4. Triff wichtige Entscheidungen nicht mitten im inneren Chaos

Vielleicht kennst Du das: da liegt eine unangenehme E-Mail im Postfach, und der Patient hat sich heute auch noch beschwert. Ein anderer hat gleich ganz abgesagt. Und eine Rechnung, mit der Du nicht gerechnet hast, ist gekommen. Und die Buchungen gehen auch noch zurück.

Und sofort beginnt der Kopf zu arbeiten. Jetzt müssen wir doch irgendwas tun!

Dabei sind gerade die ersten Minuten nach einem unangenehmen Ereignis häufig ein schlechter Zeitpunkt für wichtige Entscheidungen. Eine kleine Pause kann erstaunlich viel verändern.

Nicht jede E-Mail braucht sofort eine Antwort. Nicht jedes Problem braucht innerhalb von fünf Minuten eine Lösung. Und nicht jede Sorge verlangt eine neue Strategie.

Manchmal besteht unternehmerische Kompetenz darin, lange genug still zu bleiben, bis Du wieder klar denken kannst.

5. Frage weniger „Warum passiert das?“ und häufiger „Was kann ich jetzt tun?“

Es gibt Situationen, die wir nicht mehr verändern können.

Die Entscheidung ist gefallen. Das Geld ist ausgegeben. Ein Patient ist gegangen. Ein so schöner Kurs wurde eben nicht gebucht.

Dann können wir sehr viel Energie darauf verwenden, uns darüber zu ärgern.

Oder wir stellen eine andere Frage: Was ist jetzt mein nächster sinnvoller Schritt?

Diese Frage gefällt mir besonders gut, weil sie keine perfekte Lösung verlangt, sondern einfach meinen Blickwinkel ändert.

Und der nächste sinnvolle Schritt kann sein, mich erst mal lang und breit darüber aufzuregen und meine eigenen Wunden zu lecken. Keiner verlangt von mir, ein Übermensch zu sein (außer ich manchmal ) 🙂

Vielleicht kannst Du heute noch nicht jedes Problem lösen. Aber Du kannst eine E-Mail schreiben. Eine Zahl überprüfen. Ein Gespräch führen. Einen Termin vereinbaren. Eine Entscheidung vorbereiten.

Unternehmerische Handlungsfähigkeit entsteht genau dort: beim nächsten vernünftigen Schritt.

Es gibt viele Rückschläge, die letztendlich was Gutes gebracht haben, weil ich die Dinge noch mal anders angegangen bin.

6. Selbstständig heißt nicht, alles allein tragen zu müssen

Das Wort „selbstständig“ führt uns manchmal schon sprachlich in die falsche Richtung: "Ich muss alles selbst können, ich muss alles selbst entscheiden, selbst lösen, selbst herausfinden und alleine durchhalten."

Meine Erfahrung: Eine erfolgreiche Selbstständigkeit braucht andere Menschen.

Kollegen. Fachleute. Berater. Menschen, mit denen wir offen sprechen können. Menschen, die etwas sehen, das wir selbst gerade nicht sehen können.

Hilfe anzunehmen ist keine Schwäche. Im Gegenteil: Es kann eine sehr reife unternehmerische Entscheidung sein.

Und ein gutes Netzwerk besteht auch nicht nur daraus, möglichst viele Kontakte zu sammeln.

Es besteht aus Beziehungen, in denen Menschen Wissen, Erfahrung, Unterstützung und manchmal schlicht Zuversicht miteinander teilen.

Vielleicht liegt genau darin unternehmerische Gelassenheit

Diese sechs Gedanken haben für mich etwas gemeinsam: Unternehmerische Stärke bedeutet nicht, jederzeit alles unter Kontrolle zu haben. Sie zeigt sich darin, mit dem umgehen zu können, was gerade da ist:

Einen Plan machen und ihn verändern können.

Engagiert arbeiten und aufhören können.

Scheitern und daraus lernen können.

Eine schwierige Situation aushalten, bevor Du reagierst.

Den nächsten sinnvollen Schritt gehen.

Und Dir Unterstützung holen, wenn Du allein nicht weiterkommst.

Vielleicht ist das eine sehr viel realistischere Form von Sicherheit in der Selbstständigkeit:

Ich weiß nicht, was kommt. Aber ich weiß, dass ich damit umgehen lernen kann.

Ich danke Dir fürs Lesen. Du wünschst Dir Begleitung oder einen Austausch? Buche gerne ein kostenfreies Erstgespräch.